Höhlen

Dunkelheit hat mich schon immer fasziniert. Als Kind habe ich Höhlen aus Decken und Kissen gebaut, als Jugendlicher war es eine Mutprobe für mich, alleine nachts in den Wald zu gehen. Als Erwachsener fing ich an, meine Geburtstage im dunklen Wald zu feiern – ohne Taschenlampe. Und dann sind da die Höhlen. Schon von Klein auf nahm mich mein Vater mit in kleinere Höhlen, in Deutschland und oft in Frankreich. Ich durfte bereits am Seil alleine klettern, wenn auch unter Aufsicht der Großen:

Als ich langsam erwachsen wurde, steigerten wir die Größe der Höhlen sowie Dauer und Schwierigkeitsgrad der Touren. Während die typischen Touri-Schauhöhlen meist nach 1 Stunde auf einem mehr oder weniger gut begehbaren Weg angesehen sind, waren unsere extremsten Touren über 12 Stunden lang. Mit nur 1 Wasserflasche und wenig Müsliriegeln als Proviant, denn alles muss man mitschleppen. Mit großen Höhlen sind an dieser Stelle keine riesigen Räume unter der Erde gemeint, auch wenn es diese ebenso gibt, sondern besonders lange, tiefe und weit verzweigte Höhlensysteme. Senkrechte Schächte von 60 und mehr Metern sind dabei nicht ungewöhnlich. Bei sowas bekam ich oft Beklemmungsgefühle, wenn ich irgendwo bei Meter 30 im Seil hing: Unter dir Dunkelheit, über dir Dunkelheit, und du an einem Seil im Nichts. Geile Sache. Noch beklemmender waren jedoch Schächte mit genug Licht, um erkennen zu können, was man sich da gerade antat – frei im Raum schwebend. Oder wenn die Höhlen so eng wurden, dass ich nicht glauben konnte, weiter zu kommen. Für jemanden mit Raumangst bzw. Klaustrophobie und einem Hang zu Panikattacken eine super Sache.

Mein Vater meinte einmal, ich habe ein Gespür dafür, wo sich Löcher und Höhlen verbergen könnten. Wenn wir in der Natur unterwegs sind, biege ich gerne nach links oder rechts ins Unterholz ab, wenn es irgendwie verlockend aussieht. Und manchmal habe ich wirklich einen Treffer und finde ein Loch, wo ich dann erstmal meinen Kopf reinstecken muss. Sogar im Hochgebirge:

Eine Höhle ist in unserem Kontext alles, wo man als Mensch irgendwie hineinkommen kann; länger muss sie nicht sein. Für mich persönlich sind Höhlen aber erst dann echte Höhlen, wenn ich nicht die Luft anhalten muss, um eine Engstelle zu überwinden, und wo der Entdeckungsspaß nicht nach wenigen Metern zu Ende ist. Wenn ich alleine unterwegs bin, sind solche Entdeckungen besonders abenteuerlich: Manche Höhlen sehen echt spuky gruselig aus und ich brauche allen Mut, um nicht umzudrehen. Was nicht immer klappt. Selbst in einer Gruppe bin ich ungerne letzter, weil ich das Gefühl habe, dass mich jemand verfolgen könnte. Höhlen mit unterirdischen Wasserläufen sind oft noch abgefahrener, weil das Wasser murmeln kann wie ein nuschelnder Mensch. In Höhlen ist Schall sehr weit hörbar. Schon häufiger habe ich gemeint, Stimmen in der Ferne wahrzunehmen, wo niemand sein konnte, und mir stellten sich die Nackenhaare auf. Willkommen am Rande des Wahnsinns, wenn bereits Wasser mit dir spricht!

Was sind nun spaßige Momente einer Höhlentour, was erlebt man dabei alles an magischen Momenten? Mach es dir gemütlich und freue dich, dass du nicht in der Kälte und Dunkelheit einer feuchten und zu dir sprechenden Höhle herumkriechen musst. Außer du heißt Gollum 😀

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Das Mauseloch:

Einmal ließ ich mich an einem Seil ungefähr 20 Meter in die Tiefe ab. Mein Vater rief zu mir herunter, ich solle bereits weitergehen. Ich schaute mich um, doch ich war in einer Sackgasse: Das Seil hing in einem kreisrunden Schacht mit vielleicht 5 Metern Durchmesser, der am Boden endete. An einer Stelle sah ich ein großes Mauseloch, was so aussah, als würde maximal eine fette Katze hindurchpassen. Ich rief meinem Vater zu, dass hier Ende wäre, doch er seilte sich zu mir ab, hielt schnurstracks auf das Mauseloch zu und meinte trocken: „Da geht´s doch weiter!“. Ehe ich mich versah, guckten nur noch seine Schuhe heraus, während sein gesamter Körper an den Wänden entlang schrammte, denn selbst robbend kam man dort kaum hindurch. Ich entschied, meiner Klaustrophobie nachzugeben und ließ ihn alleine ziehen. Irgendwo steckenbleiben ist schon scheiße, aber tief unter der Erde steckenbleiben, das war mein persönlicher Albtraum.

Labyrinth Deluxe:

Eine andere Höhle hatte ein regelrechtes Labyrinth an Gängen. Dieses war so komplex, dass man sich wirklich verlaufen konnte und es schon Leute gegeben hat, die in ernste Schwierigkeiten gekommen waren. Bedenke dabei immer, dass es 3D-Labyrinthe sind, also auch über und unter dir Gänge verlaufen können. Eine Höhlenkarte, die es natürlich gibt (so man eine mitnimmt), kann nur 2D sein. Übereinander liegende Gänge versucht man gestrichelt zu symbolisieren. In meiner Verzweiflung, weil niemand aus meiner Gruppe Angst hatte, sich zu verlaufen, außer mir selbst, ritzte ich mit einem Stein Pfeile in die Wände. Wo dies nicht möglich war, zum Beispiel wegen zu hartem Gestein, legte ich Steine als Pfeile aus. Wenn beides nicht möglich war, weil mir die Steine ausgegangen waren, betete ich.

Latrinenwasser:

An einem Höhleneingang in Frankreich lief ein Bach mit unter die Erde. Wir waren mit dem Bachbett abgestiegen und nun die ersten Meter in die Höhle geklettert. Meine Hände waren dreckig geworden, weil ich meine Handschuhe nicht angezogen hatte. Als wusch ich mir meine Hände im Wasser. Kaum getan, ertönten gleich mehrere Schreie meiner Kollegen: „Bist du irre? Das ist Latrinenwasser!“ Stimmt, da war doch was … jemand hatte von einem Dorf oberhalb erzählt, das noch nicht an das Abwassernetz angeschlossen war und seine Abfälle bis heute in diesen Fluss leitete. Das erklärte auch die eigentümliche Geruchs-Konsistenz des Wassers und die vielen bunten Verfärbungen. Irgendwie war mir das entfallen, als ich meine dreckigen Hände sah. Man muss halt Prioritäten setzen. Und jetzt nicht vor Verlegenheit an den Fingern knabbern …

Dresscode im Dunkeln:

Eine Tradition von mir ist, mit einem weißen Hemd in Höhlen zu gehen. Der Ursprung liegt lange zurück: An einer Höhle in Frankreich meinte mein Vater einmal, dass diese durch einen Fluss, der bei Regenfällen hindurch strömt, so sauber ist, dass nicht mal ein weißes Hemd dreckig werden kann. Zufälligerweise hatte ich damals eines dabei gehabt und machte den Test. Sein Versprechen hielt knapp 150 Meter, danach drehte ich um, sonst hätte ich auch gleich nackt weitergehen können. Da wir manchmal kürzere Höhlen ansehen, wo kein Klettern oder Kriechen nötig ist, oder warme Höhlen wie auf den Kanaren, wurde aus meinem „Weißen-Hemd-Test“ eine Art Tradition. Zugegebenermaßen nutzte ich dafür gerne die Hemden meiner (Ex-)Arbeitgeber, schön mit deren Logos drauf. Einmal postete ich ein entsprechendes Bild und mein Ex-Chef lobte mich dafür, dass ich sogar noch im Urlaub und an außergewöhnlichen Orten Werbung für seine Firma trage. Bis er sah, wie das Hemd nach dem Einsatz aussah … Immerhin, die Höhlenspinnen haben so zum ersten Mal in ihrem Leben Werbung gesehen.

Schlamm:

Es gibt saubere Höhlen, leicht dreckige Höhlen, sehr dreckige Höhlen und es gibt Schlammhöhlen. Manche Höhlen haben direkt am Eingang ein meterlanges Schlammbad zu bieten, wo man wegen einer niedrigen Decke hindurch kriechen muss. Solche Höhlen sind heimtückisch, denn danach sind die oft super sauber oder voll klarem Wasser, was man theoretisch zur Reinigung verwenden könnte. Das hilft nur alles nichts, wenn man auf dem Rückweg als letztes wieder durch die Schweinesuhle muss. Diesen Höhlen unterstelle ich böse Absicht. Immerhin wird man anschließend durch die Blicke unbeteiligter Touristen oder argloser Dorfbewohner entschädigt, wenn man triefend vor Modder zurück zum Auto geht, welches am liebsten davonfahren würde, wenn es denn könnte. In Höhlen kann es viel Wasser geben, von flachen Pfützen bis hin zu riesigen unterirdischen Seen, für die man bereits Schlauchboote braucht. Ebenso existieren unterirdische Flüsse und Wasserfälle, ein sehr beeindruckendes Schauspiel. Für solche Höhlen braucht man als Unterkleidung einen Neopren-Anzug und darf sich auf ein Bad in der dunkelsten Badeanstalt der Welt freuen. Für die trockenen Höhlen benötigt man einen sogenannten Faserpelz, der einen wärmt. Oben drüber kommt immer ein sogenannter Schlaz, welcher der heftigen Reibung an Felsen standhalten kann. Doch wenn all diese Sachen wundervoll dreckig geworden sind, kann man diese nicht der Waschmaschine antun, da diese sonst verstopfen würde. Man muss sie zumindest in der Dusche oder Badewanne vorwaschen. Wohl demjenigen, der keine Frau hat! Eine Beziehung mit einem Höhlenforscher ist eh so eine Sache, weil der Mann ständig neue Geliebte in Form von dunklen feuchten Löchern findet … der Fairness halber sei angemerkt, dass es auch Höhlenforscher-Frauen gibt. Die sind aber noch stärker in der Minderzahl als in der IT.

Gigantomanie:

Eine Höhle in Frankreich blieb bei mir in extrem positiver Erinnerung, weil diese mitten in der Pampa in Form eines ca. 5 Meter breiten Loches beginnt. Dieses Loch hat eine schlappe Tiefe von ungefähr 70 Meter. Senkrecht. Stell dir vor, dein Kind geht alleine im Wald spielen … denn eine Absperrung gab es nicht. Wilde Natur halt. Wenn man sich in dieses Loch abseilt, gelangt man in eine unterirdische Halle, die so unglaublich groß ist, dass der Kölner Dom hineinpassen würde, zumindest ohne Türme. Durch den obigen Eingang fällt soviel Licht in die Halle, dass alles dämmrig dunkel zu erkennen ist. Beim Abseilen in diesen gigantischen Raum war ich so überwältigt, dass ich sogar meine Höhenangst vergaß. Unten angekommen sieht man Tropfsteine, Stalagmiten und Stalagtiten. Erstere wachsen von unten nach oben, zweitere von oben nach unten. Um sich das einfacher zu merken, ein super Spruch meines Vaters: „In Stalagtiten steckt Tit(t)en drinnen, und die hängen ja auch herunter …“. Aber zurück zur Höhlen-Erotik: Die Tropfsteine hatten eine Größenordnung, die unvorstellbar war, insbesondere die Stalagmiten: Manche mit dem Umfang von Mammutbäumen und dutzende Meter hoch. Ein Mensch sieht daneben winzig aus. Am Ende dieser riesigen Höhle kam die letzte mentale Überforderung: Ein kleiner separater Höhlenraum, der komplett mit weißen Kristallen geschmückt ist, die im Licht unserer Lampen wie Millionen Diamanten funkelten. In solchen Momenten ist man einfach sprachlos und könnte vor Freude weinen. Besonders weil der Weg zum Ziel herausfordernd und anstrengend war und man sich bewusst ist, dass man ein seltenes Privileg hat, da Otto Normalerverbraucher niemals hier hinkommen kann oder will. Es sei noch angemerkt, dass wir niemals Sachen aus Höhlen mitnehmen: Wer etwas abbricht oder auch nur etwas Loses einsteckt, der hat das Vertrauen der Höhlenforscher für immer verspielt. Eine Höhle ist ein Naturwunder, das auch noch Andere sehen möchten, kein Souvenirladen. Leider nahmen die Franzosen dies zu wörtlich, bohrten Jahrzehnte später einen Gang zu der Halle und bauten diese zu einer Schauhöhle um. Mein Gefühl, etwas sehr Seltenes gesehen zu haben, was nur wenige Augen je erblickten, ist seitdem erledigt. Ich war nie wieder dort.

Buddel dir deine eigene Höhle:

Nicht immer haben Höhlenforscher das Glück, dort zu leben, wo es (bekannte) Höhlen gibt. Also muss man sich welche suchen, die noch niemand kennt. Hierbei helfen aktive Steinbrüche häufiger mit, als man denken mag: Denn diese sprengen sich durch felsiges Gestein, also der perfekte Ort für potentielle Höhlen. Immer mal wieder werden dabei auch welche entdeckt. Für die Steinbruchbetreiber eine eher nervige Entdeckung, die man schnell wieder wegsprengen möchte, für Naturschützer und Höhlenforscher jedoch eine Argumentationshilfe, in diese Richtung nicht weiter abzubauen, Stichwort Naturschutz. Eine auf diese Weise entdeckte Höhle, die zur Schauhöhle umgebaut wurde, ist die Schillat-Höhle bei Hessisch Oldendorf, direkt an der Steinbruchwand eines weiter aktiven Steinbruchs gelegen. Diese Höhle hat eine weitere Besonderheit: Höhlen aus längst vergangener Zeit können im Laufe der Jahrtausende durch Wasser mit Sedimenten so vollgelaufen sein, dass sie heutzutage nur noch drecksgefüllte Matschlöcher sind. Genau so eines wurde in der Schillat-Höhle entdeckt, komplett mit Erde gefüllt. Da Deutschlands Norden nur wenige Höhlen bietet und es der Traum eines jeden Höhlenforschers ist, ein völlig neues Höhlensystem zu entdecken, begann dort ein Jahrhundertprojekt: Ausbuddeln! Ja, das ist ernst gemeint; besuch die Höhle und sprich den Führer darauf an, er kann die Stelle zeigen. Unregelmäßig treffen sich dort einige Verrückte, zu denen auch ich manchmal zähle, und werden zu großen Kindern, die sich durch Dreck und Matsch voran graben, mehrere dutzend Meter unter der Erde. Nach über 20 Jahren sind die ersten 50 Gangmeter geschafft und kein Ende abzusehen. Pro Einsatztag kommt man maximal 1 m vorwärts. Um in diesem Gang nicht zu ersticken, wurde ein Belüftungssystem installiert. Um etwas zu sehen, eine Beleuchtung. Um den Dreck herauszubekommen, ein komplettes Loren-Schienensystem unter der Decke. Der Gang ist so eng, dass man kriechen muss und ich es mittlerweile nicht mehr schaffe, bis zum Ende zu robben, weil meine Klaustrophobie vorher gewinnt. Vor einigen Jahren konnte ich das noch, da war der Gang kürzer. Doch Andere aus dem Team haben keine Raumangst, liegen am Gangende Stunden im Matsch und graben Lehm, Erde und Steine heraus. Immer in der Hoffnung, dass irgendwann das Grabegerät mit einem Plumms in einen Hohlraum fällt und sich ein neues Höhlensystem auftut. Mit etwas Pech fällt das Gerät aber auch nur in den Steinbruch. Immerhin hätte sich dann das Belüftungsproblem erledigt.

Brandtest am Kletterseil:

Heutzutage hat jeder LED-Licht in Höhlen dabei und dieses kann extrem hell werden. Jedoch mit zwei Nachteilen: Es ist recht fokussiert, leuchtet daher nicht rundherum alles aus, und die Lichtqualität ist optisch ein Grauen. Zum Orientieren ist es super, aber für Höhlenfotos ist (meist kaltes) LED-Licht nicht schön. Der Gegenspieler von LED war lange Zeit keine Glühlampe, weil diese zuviel Strom verbraucht, auch wenn man so eine Lampe oft als zweites Notlicht dabei hatte. Sondern es waren Karbidlampen. Was das ist? Denk an eine Handlampe, wie du sie bei Bergarbeitern im 19. Jahrhundert vermuten würdest, und du bist nahe dran. Brennen tun diese Lampen mit Acetylen bzw. Calciumcarbid. Diesen Stoff nimmt man als kleine, steinige Brocken mit in die Höhle; man braucht nur wenig, es ist sehr ergiebig, und gewichtstechnisch besser als Akkus. Zusätzlich braucht man Wasser, da dieses zusammen mit Calciumcarbid eine chemische Reaktion auslöst, bei der brennbares Gas freigesetzt wird, welches angezündet ein warmes Licht ergibt. Wasser findet man in Höhlen oft, im Notfall nimmt man sein Trinkwasser und im ganz bösen Notfall pinkelt man in den Wasserbehälter. Eine „Ladung“ dieser Mischung brennt locker 3-4 Stunden, aber erzeugt leider auch Kopfschmerzen durch die Verbrennungsprodukte. Wenn das Gas unverbrennt ausströmt, ist es giftig und narkotisiert. Praktisch, falls man unterwegs operieren muss… Was brennt, das erzeugt Wärme. Das ist erstmal praktisch, wenn einem kalt ist. Sein Mini-Lagerfeuer hat man immer dabei. Aber das Licht ist am Helm befestigt, und zwar vorne. Wenn man nun am Seil klettert, ist das Seil auch vor dem Körper. Deshalb muss man höllisch darauf achten, den Kopf beim Seilklettern immer seitwärts zu halten, sonst brennt man sich seine eigene Lebensversicherung ab. Einmal vergaß ich diesen Umstand und war fröhlich dabei, mein Seil abzufackeln, an dem ich gerade in 10 Metern Höhe hing. Mein Vater sah dies von unten und machte mich richtigerweise zur Sau. Zu meinem Glück war das Seil durch die vorige Nutzung nass geworden und damit schwerer brennbar. Dem Darwin Award entging ich so knapp.

Von meinem Selbstmordversuch gibt es kein Foto, aber hier beispielhaft demonstriert, was ich mit Feuer und Nähe zum Kletterseil meine.

Hier enden meine Gutenachtgeschichten. Falls du der Meinung bist, dass Höhlenforschung genau das richtige für dich ist oder du noch den letzten Grund brauchst, solche Leute für völlig bescheuert zu erklären, folgt nun ein längerer Bericht über meine extremste Höhlenbefahrung, an die ich mich erinnern kann. Er dürfte dir viele Argumente Pro oder Kontra bieten!

<<<< Die Reise zum Mittelpunkt des Grundwassers >>>>

Dies war die längste Höhlentour meines Lebens und ein Abenteuer, das in einer französischen Höhle im Departement Jura passierte. Dort gibt es einen Verbund von mehreren Höhlen im Abstand weniger Kilometer, die unterirdisch in ungefähr 100 m Tiefe verbunden sind. Die Verbindung ist ein unterirdischer Fluss, welcher in die erste Höhle reinfließt und in der letzten wieder zu Tage tritt. Die Höhlen dazwischen sind sozusagen Zuläufe, also auch wasserführend. Für Normalsterbliche mag es nicht vorstellbar sein, was unter unseren Füßen für krasse Höhlensysteme verlaufen, in denen Grundwasser fließt. In solche Systeme darf man nur einsteigen, wenn es tagelang nicht geregnet hat und die Wettervorhersage auch für die nächsten 12 – 24 Stunden sehr gut ist. Der Grund ist wohl einleuchtend … nicht alle Teile unseres ausgesuchten Höhlensystems waren bei Regen von Wasser geflutet und damit lebensgefährlich, es gab auch wasserfreie Bereiche, doch die meisten Passagen waren gefährdet. In eine der Zulauf-Höhlen sind wir morgens bei gutem Wetter abgestiegen.

Höhlen sind sehr unterschiedlich: Manche sind groß und weiträumig, andere eng und beklemmend, manche kann man gehend oder nur kriechend erkunden, für andere braucht man Drahtseilleitern oder Seile samt Kletterausrüstung, auch SRT genannt. Diese Höhle hatte im Wechsel alles zu bieten. Man muss sich also selbst samt Kletterausrüstung und Seilen kilometerweit durch die Höhle schleppen und nach und nach die Seile verbauen, was anstrengend und zeitraubend ist. Und für Frustmomente sorgt, wenn man nach Stunden feststellt, dass man das letzte Seil vergessen hat mitzunehmen. Jede einzubauende Seilstelle kann eine Gruppe 30 Minuten bis 1 Stunde aufhalten. In dieser Zeit ist einer am Einbauen, während den Anderen kalt wird. Daher werden Höhlen gerne in kleineren Trupps befahren: Der erste Trupp baut ein, der letzte baut aus. So vermeidet man lange Staus an schwierigen Stellen und teilt die Belastung auf alle auf. Außerdem hat man so einen Rettungstrupp, der im Notfall Hilfe holen kann, wenn den Anderen etwas passiert oder diese nicht zurück kommen. Auf dem Rückweg sind Seile oft schwerer, bedingt durch Nässe und Matsch. Man selbst auch, denn in solchen wassergefährdeten Höhlen gibt es immer wieder Wasserbecken, die man queren muss, ein Neopren ist daher Pflicht. Somit wiegt auch die ganze Kleidung im Laufe der Tour immer mehr. Zurück geht es zudem in der Regel nach oben, man muss Seile herauf klettern und ist bereits durch den Hinweg erschöpft. Raus ist also anstrengender als rein, so dass man seine Kraftreserven gut einschätzen können muss.

Diese Höhle hatte als ein Highlight die von mir geliebten Engstellen, wo man nur kriechend vorwärts kann. Und damit nicht genug, es war teilweise so eng, dass man den Kopf quer legen musste, weil der Helm zu hoch war. Solche Stellen sind mein absoluter Albtraum und ich frage mich an solchen Punkten immer wieder, warum ich diesen Scheiß eigentlich tue, während Angst und Panik in mir hochschießt. Umdrehen oder rückwärts kriechen ist an solchen Stellen meist nicht möglich, wenn man einmal angefangen hat, durchzurobben. Mein Vater kann mich ganz gut beruhigen, „dass es nur ein paar Meter sind“, die dann meistens doch etwas mehr Meter sind; aber solange ich mich bewege, kann ich wenigstens nicht zuviel nachdenken. Liegen und warten oder schlimmstenfalls steckenbleiben ist jedoch wie ein Abstieg in die Hölle für mich, weil dann der Kopf viel Zeit hat, auszurasten. Wenn solche Engstellen nach unten verlaufen, kann man sich wenigstens von der Schwerkraft ziehen lassen, aber wenn man dann steckenbleibt, wird es richtig mies … außerdem haben die wenigsten Höhlen am Ende einen zweiten Ausgang und man muss daher irgendwann gegen die Schwerkraft durch die Engstellen zurück. Diese Gedanken verdränge ich beim Abstieg immer, sonst würde ich gar keine Höhle mehr betreten.

Im weiteren Verlauf kam eine Traverse: Das ist eine schmale, aber sehr hohe Spalte im Gestein, oftmals 10 Meter oder höher, maximal 1 Meter breit, und lang. Sehr lang. Nach unten werden diese Ritzen immer enger, nach oben auch. Man ist also gut bedient, in der Mitte „zu gehen“, daher das Wort traversieren. Dabei darf man aber nicht abrutschen, sonst hat man einen mehrere Meter tiefen Fall in einen Trichter vor sich, der immer enger wird, und bleibt richtig stecken. Gehen ist jedoch ein nettes Wort; je nach Felsbeschaffenheit kann man mit seinen Schuhen, meist Gummistiefel mit Stahlkappen, Gripp im Felsen finden. Manchmal ist die Wand aber zu glatt und man muss sich mit seinem ganzen Körper zwischen den Wänden verkeilen und dabei vorwärts schieben, ohne nach unten abzurutschen. Nicht zu vergessen den Sack mit Seilen, den man oftmals dabei hat, und der entweder am Rücken hängt oder zwischen den Beinen baumelt; in jedem Fall will dieser einen ständig ins Verderben ziehen.

Einmal passierte mir genau so ein Fehltritt, ich rutschte ab und glitt fluchend nach unten in die Engstelle. Wie durch ein Wunder war diese aber breit genug, dass ich hindurch passte, und genau darunter eine hohle Kammer, in der ich stehen konnte und genug Platz hatte. Der unerwartete Freiflug und Aufschlag war zwar alles andere als angenehm, aber dann wollte ich jubilieren, dass ich einen neuen Höhlenteil entdeckt hatte. Bis ich die Knochen neben mir entdeckte. Mein Schrei hallte durch die Dunkelheit und kurze Zeit später rätselten meine Mit-Höfos, was ich denn da Schönes gefunden habe. Höfo ist übrigens die Verniedlichung von Höhlenforscher und diese interessieren sich für alles, worum der normale Mensch einen großen Bogen machen würde. Die Einigung war, dass es nur Knochen von Tieren sind, die bei Wasserstand bis hierher gespült worden waren, und dass es kein neuer Höhlenteil war. Und kein ehemaliger Mensch. Also langweilig. Weg wollte ich trotzdem schnell.

Unser Weg führte beständig nach unten. Leider verlaufen Höhlen selten geradlinig zum Ziel, sonst wären die 100 Höhenmeter zum Grundwasser relativ schnell erreicht gewesen. Wobei auch das relativ ist, denn 100 m senkrecht am Seil dauern schon einige Zeit. Runter geht noch in Sekunden, wenn man auf Speed steht. Man darf aber nie vergessen, dass die relativ unflexiblen Höhlenseile dennoch eine gewisse Dehnung aufweisen, und wenn man nach 90 Metern Speedrausch abrupt abbremst, wird sich das Seil noch einige Meter weiter durchstrecken. Das sollte man beherzigen, um gebrochene Füße zu vermeiden. 100 m hoch sind im Gegenzug Leistungssport und dauern bei mir gut 1 Stunde, der trainierte Höfo schafft es in der halben Zeit. Schnell vorwärtskommen und Höhlen sind also ein Widerspruch. Gehbare Wege gibt es in Höhlen auch keine, sondern man fühlt sich mehr wie in einem zusammengestürzten Gebäude. Überall Hindernisse und oft muss man suchen, wo es weitergeht. Krieche einmal 10 Meter auf harten, spitzen Steinen, dann weißt du, mit welchem Tempo du ungefähr vorwärts kommen wirst. Und so war auch unser Weg in die Tiefe in der Realität mehrere gewundene Kilometer lang, die nicht immer nur abwärts gingen, sondern auch mal aufwärts. Netterweise gab es auch gehbare Passagen, wo man aufrecht stehen konnte und sich meine Psyche beruhigen konnte.

Gegen späten Nachmittag erreichten wir mit 4 Mann unser Ziel. Ohne Uhr hast du kein Zeitgefühl, da es immer dunkel ist, und der Wach-Schlaf-Rhythmus des Körpers verändert sich. Bei längerem Aufenthalt in Dunkelheit ist man 36 Stunden wach und schläft dann bis zu 14 Stunden. Soweit waren wir aber noch nicht. Denn nun hatten wir eine wirklich besondere Stelle in der Tiefe erreicht, die wohl nur wenige Menschen in ihrem Leben sehen werden. Und die mich sehr stolz machte, obwohl ich schon recht fertig war: Wir kamen an einen ca. 15 Meter tiefen Abstieg in Form eines Loches im Boden, der nur mit dem Seil zu meistern war. Unter uns war eine große, sehr langgezogene Halle, die schräg abwärts verlief. Der Boden der Halle bestand aus vielen kleinen Pools aus Stein, einer nach dem nächsten, nebeneinander und höhenversetzt. Es erinnerte etwas an die treppenartigen Reisfelder in Asien. Die Länge der Halle war endlos, soweit unsere Lichter reichten. Die Pools waren weder warm noch schön sprudelnd, aber dafür hatten wir den Neopren an. In dieser Tiefe ein so riesiges Höhlensystem zu sehen war beeindruckend, besonders weil es die Stunden davor eher eng gewesen war. Noch beeindruckender waren jedoch die Worte meines Vaters: „Wir sind am Collecteur angekommen“. Der Collecteur ist der Hauptgang bzw. die Sammelader des unterirdischen Wassers, wo alle Wasserflüsse der Region zusammenfließen. Hier unten ist bei Regen die Hölle los und jeder Aufenthalt tödlich, weil dann die riesige Halle von rauschenden Wassermassen geflutet ist. Jetzt war jedoch nicht mal ein Flüsschen zu sehen, alles stand still und es war sehr ruhig. Nur die Tatsache, dass die Wände extrem glattgeschliffen waren und nicht ein Steinchen zu sehen war, verriet uns, dass hier sonst Wasser fließt. Viel Wasser. Sehr viel Wasser. Und sehr schnell.

Wir hielten uns nicht lange hier auf. Mein Vater wollte ein Schwimmbecken weiter kommen, als er es vor Jahrzehnten als junger Mann geschafft hatte, als er schonmal diesen Ort erreicht hatte. Wir kletterten und schwammen bis zu dieser Stelle, mein Vater klatschte die Wand ab und dann kletterten wir über das Seil ins obere Höhlensystem zurück. Nicht länger als nötig verweilen. Draußen war bereits ein ganzer Tag vergangen und wir konnten nicht wissen, was das Wetter in der Zwischenzeit gemacht hatte. Die anderen beiden aus unserer Gruppe machten sich nun auf den Rückweg, damit wir an den Kletterstellen keine langen Wartezeiten hatten. Mein Vater und ich verblieben, um das Seil auszubauen, was noch in den Collecteur hinunter hing. Etwa 20 Minuten später waren wir fertig und dann passierte es: Ein Knall. Ein donnernder Knall hallte durch die Höhle! So eine Höhle kann unglaublich hallen … doch akkustisch kam dies deutlich von unten aus dem Collecteur. Ich bekam Panik, wusste nicht was los war, aber ich wusste, dass es nicht gut war. Ich sah meinen Vater an, doch dieser antwortete nur mit versteinerter Miene: „Lass uns hier rauskommen, und zwar schnell.“ Es folgte eine Flucht durch Gänge, aber versuch einmal, einen 8-Stunden-Höhlenabstieg hinauf zu fliehen. Wirklich schneller bist du dabei auch nicht, die Kraftanstrengung ist brutal und nach jeder weiteren Kletterpassage mussten wir wieder ein Seil ausbauen. Mein Vater sagte weiterhin nichts, außer dass wir uns beeilen sollten, den Nassteil der Höhle zu verlassen. Mit Nass- und Trockenteil sind in Höhlen die Passagen gemeint, wo bei Regen Wasser fließt und es lebensgefährlich ist, sich dort aufzuhalten, und das Gegenstück, wo es trocken und sicherer ist. Leider war unser Nassteil gute 4 Stunden lang.

Irgendwann fanden wir die anderen beiden, die vorausgeklettert waren. Sie hatten sich verlaufen und suchten den richtigen Weg. Den Knall hatten sie nicht gehört, sahen aber wohl die Dringlichkeit in unseren Augen, hier wegzukommen. Zu viert fanden wir schließlich den richtigen Gang und weiter ging es. Unterwegs beobachtete ich kleine Steinhaufen, die ich auf dem Hinweg aufgebaut hatte: Wegen der Hochwassergefahr hatte ich diese immer dann aufgebaut, wenn wir in kleinen Rinnsälen oder Flüsschen unterwegs gewesen waren. Und zwar so, dass 2 Steine über der Wasserkante lagen. So hatte ich einen Marker, ob das Wasser mehr geworden war. Doch mir fiel nichts auf und ich beruhigte mich etwas. Und dann kam die Rettung: Das letzte Kletterstück vor dem Trockenteil der Höhle. Dort oben war es sicher. Doch wo war das verfluchte Seil? An dieser Stelle rauschte ein unterirdischer Wasserfall in die Tiefe und wir hatten das Seil direkt daneben eingebaut, um es besser finden zu können, und weil die Höhle dort breiter war. Doch es war weg! Kurz dachte ich, dass wir den falschen Wasserfall erwischt hätten, aber soviele gab es dann doch nicht. Panik! Nach kurzem Suchen fand ich ein Seil an einer ganz anderen Stelle, das nach oben in eine enge Kluft führte. „Das kann doch nicht sein …“ dachte ich, doch wer sollte in dieser Tiefe ein Seil einbauen außer uns? Außerdem war es optisch unser Seil. Wir waren irritiert, doch wir hatten keine Zeit und ich begann als Erster den Aufstieg. Das war ein großer Fehler! In der oberen, engen Kluft blieb ich stecken. Ich hätte mich mit der Schwerkraft wieder nach unten ablassen müssen, um herauszukommen. Doch wenn man mit Höhlenkletterausrüstung an einem Seil hängt, kann man entweder nur hoch oder nur runter klettern. Um die Richtung zu ändern, ist ein Umbau der Klettergeräte nötig. Das war aber nicht möglich, so verkantet wie ich bereits zwischen den Felsen war. Ich konnte also nur nach oben, doch meine Füße fanden keinen Halt, um mich durch die Engstelle zu drücken. Meine Armkraft war nach dem langen Tag zu schwach geworden, um mich hochzuziehen und gleichzeitig auch aus der Verklemmung zu befreien. Zudem gab es eh nichts Vernünftiges zum Festhalten, die Felsen waren zu glatt und das Seil selbst reichte nicht. Nun hatte ich richtig Panik!

Ich hing also im vermutlich schon trockenen Teil der Höhle und würde wenigstens nicht ertrinken wie meine Kollegen unter mir, aber dafür verhungern oder wahnsinnig werden. Und genau das wurde ich: Wahnsinnig. Ich hörte nicht mehr die beruhigende Stimme meines Vaters, seine Tipps, ich versuchte mich nur noch mit aller Kraft zu bewegen und verkeilte mich dabei immer mehr. Meine Klettergeräte ließen gnadenlos nur den Weg nach oben zu. Minuten vergingen, mir liefen die Tränen der Angst herunter, und dann kamen sie: 2 Engel. Von oben schienen sie herab, leuchteten hell in der Dunkelheit und versetzten mich in solches Erstaunen, dass ich meine Angst fast vergaß. Sie reichten mir ihre Hände und zogen mich aus dem Spalt, bis ich oben war, stehen konnte und endlich wieder Platz hatte. Fast wollte ich fragen, ob ich nun im Himmel sei, bis ich zwischen meinen verheulten Augen erkennen konnte, dass es Höfos waren. Aber wo kamen die denn her? Es gab noch eine zweite Gruppe, die deutlich später in die Höhle eingestiegen war, aber diese wollte nicht so tief herunter und hätte zeitlich längst wieder draußen sein müssen, da sie gleichzeitig unsere Rettungsgruppe war, sollten wir nicht wiederkommen. Doch dann erkannte ich, dass meine Engel meine eigenen beiden Kumpels waren, die eigentlich unter mir hätten sein müssen.

Wir war das möglich? Während meiner Panik hatten die drei unter mir nach einer Möglichkeit gesucht, die Felswand ohne Seil hochzukommen, und schließlich eine Stelle etwas abseits gefunden, wo sie kletternd und sich verkeilend aufsteigen konnten. Mein Vater half den beiden beim ersten Stück und danach schafften sie es, über mich zu gelangen. Die Aktion war riskant gewesen, aber ich war tausendmal dankbar und hätte sie umarmen können. Obwohl ich das Gefühl gehabt hatte, dass in meiner Panik erst Sekunden vergangen waren, waren es reell bereits einige Minuten gewesen.

Erst später, zurück bei unserer Hütte, klärte sich, dass die heldenhafte zweite Gruppe die Seil-Täter gewesen waren. Diese Gruppe war doch weiter nach unten geklettert als geplant und hatte unser Seil gefunden. Einer aus der Gruppe fand das Klettern nahe des Wasserfalls scheiße, weil man dort nass werden konnte, aber die Engstelle viel schöner. Derjenige liebte Engstellen, also hing er das Seil einfach um. Dankeschön! Zumindest in einer Argumentation hatte er recht: Bei höherem Wasserpegel hätte unser Seil vielleicht im statt neben dem Wasserfall gehangen und dann wäre ein Aufstieg lebensgefährlich geworden. Denn eine Unterkühlung kann einen in fließendem, kaltem Wasser selbst mit Neopren in Minuten erwischen, und dann wird man im wahrsten Sinne des Wortes körperlich und geistig gelähmt.

Nach dieser Erfahrung waren wir alle geschafft und nervlich am Ende, aber wenigstens im trockenen Teil der Höhle. Nun war es egal, welches Wetter draußen herrschte. Und nun eröffnete mir mein Vater, was der Knall gewesen sein könnte: Ein von der Höhlendecke gefallener Felsen schied aus, weil der Collecteur wie blankgeputzt ausgesehen hatte; bei Hochwasser wäre jedes lockere Gestein mitgerissen worden. Zudem hätten wir das Abbrechen von der Decke hören müssen und der Aufschlag wäre vermutlich ein längeres Geräusch geworden, weil der Felsen dabei zersprengt worden wäre. Wir hatten aber nur 1 sehr kurzen, lauten Knall gehört. Daher kam Theorie zwei ins Spiel: Angenommen, draußen hatte es doch angefangen stark zu regnen. Dann ist es möglich, dass die Wassermassen sich sammeln und relativ abrupt und schnell durch die Höhlengänge nach unten schießen, ähnlich einer Flutwelle. Weil dabei Luft verdrängt oder komprimiert wird, ändert sich der Luftdruck schlagartig, was gleichzeitig eine kurze, aber heftige Schallwelle auslöst. Sprich: Ein Knall. Somit war es möglich, dass der Knall im Collecteur eine heftige Wasserwelle ankündete, die den Grundwasserpegel erreicht hatte und mit hoher Geschwindigkeit auf dem Weg zu uns war. Das wäre unser Tod gewesen. Meine Steinhaufen hatten zwar gezeigt, dass sich der Wasserstand nicht verändert hatte, aber noch waren wir nicht draußen, um dies wirklich zu wissen.

Ein paar Stunden später errreichten wir endlich den Eingangsbereich der Höhle: Ein letztes Seil, schlappe 60 m senkrechter Aufstieg nach oben. Selbst frisch und munter braucht man dafür mindestens 20 Minuten, aber jetzt … Meine beiden Engel stiegen als erstes auf, dann war ich an der Reihe. Es war anstrengend. Unglaublich anstrengend. Ich hatte keine Kraft mehr und noch weniger Kraft, um Panik vor der Höhe zu bekommen, die mit jedem Meter nach oben mehr wurde. Mein Vater wurde zu einem kleinen Lichtpunkt im Dunkel unter mir. Über mir war es leider nicht heller: Es war bereits tiefste Nacht. 10 Meter vor dem Ende kam ein Überhang. Wir hatten das Seil dort eingebaut, weil die Höhle auf einer Wiese lag, wo tagsüber ein wütender Bulle rumgeschnaubt war, und an dieser Stelle konnte das Vieh nicht bis zum Einstieg vordringen. Niemand möchte am Ende einer 12-Stunden-Tour vor einem Bullen stehen. Nun aber wurde mir der Überhang zum Verhängnis. Meine Kletterausrüstung schabte über den Stein und wurde durch mein eigenes Gewicht gegen den Felsen gedrückt. Ich musste eine hier eingebaute Strickleiter nutzen, um mich vom Felsen wegzustemmen, dann die Sicherungsgeräte höher schieben und mich anschließend wieder ins Seil fallen lassen. Und noch einmal. Doch mit jedem Versuch kam ich nur wenige Zentimeter höher, weil mein blödes Sicherungsgerät, eine Bruststeigklemme, nicht richtig ins Seil griff, sie rutschte immer wieder durch. Innerlich verfluchte ich meinen Vater, denn es waren seine Geräte und das Motto „Das ist doch noch gut!“ (Zitat Meister Röhrich aus den Werner-Filmen) galt auch bei ihm. Gut, ja, aber nicht mehr gut genug, besonders wenn man extrem erschöpft war. Die verfluchten Zacken, die sich ins Seil bohren sollten, waren so abgescheuert, dass sie das nicht mehr taten. Genau an dieser Stelle, kurz vor dem Ziel! Die Stunden davor hatte ich noch genug Kraft gehabt, um dieses Manko durch geschicktes, aber kraftaufwendiges Klettern auszugleichen. Doch jetzt war ich endgültig zu schwach; ich war zu fertig, um weiter aufzusteigen, um Panik zu kriegen oder um zu weinen.

Es zahlte sich aus, dass meine beiden Engel vor mir aufgestiegen waren, denn ihr Job war noch nicht vorbei. Wäre ich Erster gewesen und hängengeblieben, hätte mein Vater am selben Seil aufsteigen müssen, um mir zu helfen. Etwas, was in Rettungssituationen möglich ist, denn man kann eine am Seil hängende Person „überklettern“ und dann von oben helfen, was aber nicht ungefährlich ist. Jetzt aber befanden sich meine Engel über mir. Doch die waren schon beim Auto und hatten ihre Höhlen- und Klettersachen ausgezogen, daher dauerte es etwas, bis sie meine (neue) Notlage mitbekamen. In den 20 Minuten bis dahin hatte ich mit letzter Kraft erfolglos versucht, weiter aufzusteigen, aber war keinen Zentimeter höher gekommen. Währenddessen fror mein Vater in der Tiefe und konnte mir kaum helfen, denn bei der Entfernung und Dunkelheit sah er nichts und die von Hall geprägte Verständigung war schwierig, auch wenn er alles versuchte. Meine Engel sahen ein, dass ich alleine nicht mehr höher kam, und warfen mir ein zweites Seil nach unten. Nun war es meine Aufgabe, auf dieses Ersatzseil umzusteigen, und das nach über 12 Stunden körperlich-mentaler Verausgabung. Es ist normalerweise nicht möglich, sich so auszuhängen, dass man abstürzen kann, wenn man in einem Seil hängt, da sich die meisten Klettergeräte unter Last nicht lösen lassen. Wenn man jedoch eine Leiter neben sich hat, auf die man treten und damit die Zugkraft verringern kann … irgendwie schaffte ich es, meine Sicherungstechnik auf das zweite Seil umzuhängen und dabei nicht abzustürzen. Dann ließ ich alles los und baumelte vom Überhang weg, gesichert im zweiten Seil. Dieses zogen meine beiden Engel über eine Umlenkung nach draußen, mich inklusive. Als ich endlich die Wiese unter mir hatte, fiel ich regungslos in das Gras und betete zu allem, was ich kannte. Anschließend machte ich mein vermutlich erstes Selfie in meinem Leben, als Beweis, dass ich lebte; ohne zu wissen, dass ich nicht nur extrem fertig und geschockt aussah, sondern auch extrem dreckig.

Da ich – wie bei „Über mich“ beschrieben – anonym bleiben möchte, kann ich dir mein ganzes Gesicht leider nicht zeigen. Gerade meine Augen wären das Highlight: Ein Blick mit einer Mischung aus Erschöpfung, Angst und Schock. Stell es dir nach meiner Schilderung einfach vor…

Meinen Vater hingegen hätte ich fast umgebracht. Nicht im wörtlichen Sinne wegen dem alten Sicherungsgerät und auch nicht, weil er über 1 Stunde unten in der Kälte warten musste und sich durch Umherwandern warm hielt. Sondern durch meine vielen verzweifelten Versuche, den Überhang zu überwinden. Dabei rüttelte ich dutzende Minuten lang am Seil, meiner Ausrüstung und der Leiter herum. Und löste dabei allmählich die Halterungen, mit denen das Seil am Fels festgemacht war. Nur merkte ich dies in meinem Zustand nicht mehr. Mein Vater stieg also an einem Seil auf, das im wahrsten Sinne des Wortes am seidenen Faden hing. Die Schraube, auf der sein komplettes Körpergewicht lastete, war fast komplett aus der Wand gedreht. Sie hielt aber. Als mein Vater oben ankam und dies sah, wurde ihm doch etwas anders. Natürlich gab es noch weitere Sicherungspunkte des Seils weiter oben. Wäre der lockere heraus gerissen, hätten die oberen Befestigungen vermutlich gehalten. Jedoch hätte es einen heftigen Ruck und ein Durchrutschen nach unten gegeben, und dafür sind Höhlenseile nicht gebaut. Kletterseile sind elastisch und dafür ausgelegt, dass man mehrere Meter in sie hineinfallen kann. Höhlenseile hingegen sind sehr starr und fest, dafür halten sie den Belastungen der Klettergeräte und der rauen Höhlen besser stand. In diese hineinfallen kann man beim typischen Höhlenklettern an sich gar nicht. Wäre dies nun aber passiert – das Seil hätte reißen können oder die fehlende Elastizität meinem Vater den Rücken brechen. Mit dem Gedanken, fast meinen Vater auf dem Gewissen zu haben, machten wir uns auf den Heimweg. In einer wolkenlosen Nacht ohne eine Spur von Regen.

<<<< Ende >>>>

Falls du spannend findest, was ich erzählt habe, dann such nach VdHK, dem „Verein deutscher Höhlen- und Karstforscher“. Denn diese Menschen machen sowas als ihr Hobby und würden meinen Bericht so normal empfinden, als wenn du vom Einkaufen schreibst. Ich jedoch war immer nur ein Besucher in dieser Welt der Höhlen, mehr Tourist und Abenteurer als Forscher und Entdecker wie mein Vater. Der könnte ganz andere Geschichten erzählen, wenn er denn eine eigene Website hätte. Aber vielleicht reichen ja meine Schilderungen bereits, damit du ein neues Hobby finden konntest. Oder dir ganz sicher geworden bist, was du niemals in deinem Leben ausprobieren wirst.